Die Viola im Rampenlicht

Wiederentdeckte Konzerte aus dem Berlin des 18. Jahrhunderts


Dass die Viola im 18. Jahrhundert weit mehr sein konnte als eine Mittelstimme im Orchester, zeigt eindrucksvoll eine neue CD vom Ensemble Diderot unter der Leitung von Johannes Pramsohler. Unter dem Titel Viola Concertos from Berlin werden fünf Konzerte aus dem musikalischen Umfeld der preussischen Hofkapelle Friedrichs II. präsentiert – vier davon erstmals überhaupt auf Tonträger. Die inzwischen erschienenen Rezensionen und Einführungstexte sind sich weitgehend einig: Hier wurde ein bislang kaum bekanntes Kapitel der Berliner Musikgeschichte zu neuem Leben erweckt.
 
Die Werke von Johann Gottlieb Graun, Markus Heinrich Grauel, Ignaz Mara und Carl Heinrich Hermann Benda sind im Archiv der Sing-Akademie zu Berlin überliefert. Die Sammlung gehört zu den bedeutendsten Beständen mit Musikhandschriften des 18. Jahrhunderts. Nach dem Zweiten Weltkrieg galt sie lange als verschollen, bevor sie 1999 in Kiew wiederentdeckt und 2001 nach Berlin zurückgeführt wurde. Neben den inzwischen berühmten Bach-Beständen fanden sich dort auch die heute eingespielten Violakonzerte.

Besonders interessant ist der historische Hintergrund. Die Viola hatte im 18. Jahrhundert nicht den Stellenwert der Violine. Johann Joachim Quantz bezeichnete sie sogar als ein Instrument von vergleichsweise geringer Bedeutung. Die neu entdeckten Werke vermitteln jedoch ein anderes Bild. Sie zeigen, dass die Viola im Berliner Musikleben durchaus als Soloinstrument wahrgenommen wurde – in der Hofkapelle ebenso wie in adeligen Häusern und den damals entstehenden bürgerlichen Musikgesellschaften.

Musikalisch spiegeln die fünf Konzerte den Wandel vom Spätbarock zum galanten und empfindsamen Stil. An die Stelle komplexer kontrapunktischer Strukturen treten zunehmend klare Formen, eingängige Melodien, kantable Linien und eine stärkere Konzentration auf den individuellen Ausdruck des Solisten. Dennoch besitzt jedes Werk seinen eigenen Charakter.
 
Johann Gottlieb Grauns Es-Dur-Konzert ist das einzige der fünf Werke, das bereits früher eingespielt wurde. Es verbindet melodische Eleganz mit einer anspruchsvollen Solopartie und steht zugleich noch deutlich in der Klangwelt des Barock. Die beiden Konzerte von Markus Heinrich Grauel sind dagegen echte Wiederentdeckungen. Gerade ihnen wird von mehreren Rezensenten besonderes Potenzial für das heutige Viola-Repertoire zugesprochen. Ihr Schwerpunkt liegt weniger auf spektakulärer Virtuosität als auf der kantablen und ausdrucksvollen Seite des Instruments.

Ignaz Maras Es-Dur-Konzert ist mit rund zehn Minuten das kürzeste Werk der Sammlung. Besonders der langsame Satz besticht durch seine schlichte Liedhaftigkeit und eine fein abgestimmte Klangatmosphäre. Ganz anders präsentiert sich das Konzert von Carl Heinrich Hermann Benda: Hier wird die Viola deutlich stärker als virtuoses Soloinstrument gefordert. Der weit gespannte Tonumfang und anspruchsvolle Passagen geben dem Werk eine besondere Stellung innerhalb der Sammlung . Eine ausführliche Rezension sieht in Bendas Konzert sogar die möglicherweise bedeutendste musikalische Entdeckung des Albums.

Eine entscheidende Rolle für die Wirkung der Aufnahme spielt Johannes Pramsohler. Bekannt als Barockgeiger, übernimmt er hier selbst den Viola-Part. Er spielt auf einer Viola von Leopold Widhalm aus dem Jahr 1782, die ihm Reinhard Goebel für die Aufnahme zur Verfügung stellte. Die Rezensenten heben immer wieder den besonderen, warmen und charaktervollen Klang dieses Instruments hervor. Pramsohlers Spiel wird als technisch souverän, elegant und ausgesprochen differenziert beschrieben.

Auch das kammermusikalische Konzept des Ensemble Diderot wird positiv hervorgehoben. Die Musiker spielen weitgehend one player per part, wodurch ein transparenter und unmittelbarer Klang entsteht. Die Viola bleibt dadurch stets präsent, ohne dass ihre feinen klanglichen Nuancen von einem großen Orchesterapparat überdeckt werden. Diese «solistische» Besetzung passt zugleich gut zu dem historischen Umfeld, in dem die Werke erklungen sein könnten.
 
Besonders faszinierend ist schließlich die Verbindung zu Carl Friedrich Zelter, dem späteren Direktor der Sing-Akademie. Bei einigen der Manuskripte existieren Hinweise auf seine eigene Beschäftigung mit den Werken. So ist beispielsweise eine Kadenz im Grauel-Konzert in C-Dur von seiner Hand überliefert; auch der Solopart des Benda-Konzerts liegt in seiner Handschrift vor. Damit erhalten die wiederentdeckten Noten eine konkrete Verbindung zu einem versierten Bratschisten und zum Berliner Musikleben ihrer Zeit.

Die bisher veröffentlichten Reaktionen zeigen damit mehr als nur Freude über einige unbekannte Kompositionen. Sie machen deutlich, dass die fünf Konzerte unser Bild von der Rolle der Viola im 18. Jahrhundert erweitern können. Gleichzeitig eröffnen sie die Möglichkeit, dass zumindest einige dieser Werke einen festen Platz im heutigen Repertoire finden werden. Besonders die beiden Grauel-Konzerte und Bendas Konzert werden als interessante Kandidaten für zukünftige Aufführungen genannt.

Viola Concertos from Berlin ist damit nicht nur eine gelungene CD-Neuerscheinung, sondern auch ein Beispiel dafür, welchen musikalischen Wert die Wiederentdeckung historischer Quellen haben kann. Aus vergessenen Manuskripten wird wieder klingende Musik – und die Viola erhält dabei eine längst verdiente Hauptrolle.

Mark Walder

Die Konzerte aus dem Berlin des 18. Jahrhunderts  

Johann Gottlieb GraunKonzert Es-Dur
Klavierauszug» zur Ausgabe
Markus Heinrich GrauelKonzert Es-Dur
Klavierauszug» zur Ausgabe
Ignaz MaraKonzert Es-Dur
Klavierauszug» zur Ausgabe
Carl Hermann Heinrich BendaKonzert F-Dur
Klavierauszug» zur Ausgabe

Musik für Bratsche zum herunterladen, finden Sie hier.
 

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